Berliner Bunker: Im Untergeschoss der Hauptstadt

Erschienen auf rbb Online

Die Vielfalt Berlins spiegelt sich auch unter seiner Oberfläche wieder. Besonders die vielen historischen Brüche haben im Untergrund der Hauptstadt ihre Spuren hinterlassen.

Erforscht wird das unterirdische Berlin vor allem vom Verein „Berliner Unterwelten“, den der Stadtplaner Dietmar Arnold 1997 mit Gleichgesinnten gründete. Der Verein residiert im U-Bahnhof Gesundbrunnen, wo ein unterirdischer Weltkriegsbunker zu Ausstellungsräumen umgebaut wurde. In unmittelbarer Nähe befindet sich der Flakbunker Humboldthain, der 1942 für einen enormen Betrag gebaut wurde. Dort und in identischen Bauten im Tiergarten und im Volkspark Friedrichshain sollte die Bevölkerung der Innenstadt Schutz vor Bombenangriffen finden. Der Stahlbetonbunker im Humboldthain widerstand 1945 sämtlichen Angriffen. Nach dem Krieg brauchten die Franzosen beim Sprengen drei Anläufe, am Ende zerfiel der Bunker in zwei Hälften. Ein Teil wurde mit Schutt aufgefüllt und in einen Hügel verwandelt, den „Mont Klamott“. Der Nordteil ist als Ruine erhalten, die der Verein „Berliner Unterwelten“ 2003 zum Teil wieder begehbar gemacht hat.

Im Humboldthain wie auch in vielen anderen unterirdischen Teilen Berlins veranstaltet der Verein regelmäßig Führungen und zählte dabei 2010 mehr als 200.000 Besucher. Zu besichtigen ist zum Beispiel in der Reinickendorfer Teichstraße ein OP-Bunker, in der Pankstraße erfährt man, wie ein kompletter U-Bahnhof in einen Atombunker mit Platz für 3500 Menschen hätte verwandelt werden können. Er gehörte wie 21 andere Berliner Bunker zum atomaren Zivilschutzprogramm während des Kalten Krieges. Tonnenschwere Stahltüren hätten im Ernstfall die Insassen von der Außenwelt abgeschlossen, wo sie 14 Tage lang hätten verharren können.

Auch das Rohrpostsystem gehört zum unterirdischen Berlin. Einst breitete es sich vom Haupttelegrafenamt aus unter der ganzen Stadt aus: Druckluft presste Sendungen durch das Leitungsnetz, das in den besten Zeiten 250 Kilometer lang war. Eine Sendung zum Ostbahnhof benötigte etwa sieben Minuten – vor dem Zweiten Weltkrieg war diese Art der Beförderung wichtiger Dokumente konkurrenzlos schnell. Danach verlor die Rohrpost durch Telefon und Telegramm zunehmend an Bedeutung, bis der Betrieb schließlich in den 1970ern eingestellt wurde. Zwischen Ost und West bestand schon seit 1949 keine Rohrverbindung mehr – zumindest offiziell. Tatsächlich hatten die Ost-Rohrpostler auch die Leitungen in den Westen bestens im Schuss gehalten, zum Beispiel die nach „NK“, Neukölln. Wenn Funktionäre in den Keller kamen, stellten die Männer kurzerhand Schilder mit DDR-Propaganda vor die verräterischen Schaltkästen.

Text: Michael Hörz