Blindgänger in Brandenburgs Boden – die Ursachen

Hintergrundtext auf rbb Online

Im Zweiten Weltkrieg bombardierten die Alliierten zahlreiche deutsche Städte. Blindgänger aus dieser Zeit lagern auch heute noch im Boden. Brandenburg ist das am stärksten betroffene aller Bundesländer, über 13 Prozent der Landesfläche gelten als „kampfmittelverdächtig“.

Im Berliner Umland und in der Oder-Neiße-Region mit den Landkreisen Märkisch-Oderland, Oder-Spree, Dahme-Spreewald und Teltow-Fläming stoßen Spaziergänger oder Landwirte immer wieder auf nicht explodierte Munition. Und in der Lausitz etwa ist der Kampfmittelbeseitigungsdienst so gut wie täglich im Einsatz.

Zurückgelassenes und Flächenbombardement

Dieses explosive Erbe geht auf das letzte Jahr des Zweiten Weltkriegs zurück. Die Wehrmacht versuchte Anfang 1945 mit allen Mitteln, den Vormarsch der Roten Armee über die Oder zu verhindern. Bei den Auseinandersetzungen in den Seelower Höhen, den Kämpfen um Berlin und der Kesselschlacht ließen flüchtende deutsche Soldaten Waffen und unbenutzte Munition zurück.

Ein weiterer Grund ist die Rüstungsindustrie in Städten wie Oranienburg, Cottbus, Frankurt (Oder) oder Brandenburg/Havel. Die Alliierten bombardierten diese Städte ebenso wie die Reichshauptstadt Berlin heftig. Auch vor Kriegsende errichtete Brücken sind ein Risiko: Sie können Sprengkammern enthalten und stehen generell unter Minenverdacht.

Schlechte Dokumentation

Über 600 Tonnen Bomben und Munition („Kampfmittel“) hat der Spezialdienst der brandenburgischen Polizei jährlich seit der Wende entschärft oder kontrolliert gesprengt. Die Suche nach den Bomben ist nicht einfach. Anhand von Bombentrichtern auf Luftbildern aus dem Zweiten Weltkrieg, Dokumentationen der Alliierten und in der Vergangenheit entdeckten oder gar explodierten Blindgängern rekonstruieren die Spezialisten, wo heute noch Bomben liegen. Da viele Gebiete inzwischen bebaut sind, müssen die Fachleute mit behutsamen Probebohrungen und anschließende Magnetmessungen operieren. Das kann so weit gehen, dass sie durch das Fundament eines Hauses bohren müssen.

Erschwerend kommt hinzu, dass die DDR-Volkspolizei ihre Arbeit beim Räumen schlecht dokumentierte. Die genauen Koordinaten entschärfter Bomben sind praktisch unbekannt. Daher lässt sich die Zahl der vor der Wende entschärfte Bomben nicht verlässlich bewerten. Schätzungen für Gegenwart arbeiten anhand von Funden und Entschärfungen seit 1990. In Berlin etwa geht die Senatsverwaltung noch von rund 3000 Bomben im Boden aus.

Perfide Zeitzünder

Insbesondere gegen Kriegsende waren Bomben darauf ausgelegt, nicht sofort zu explodieren. US-Bomben aus den Jahren 1944 und 1945 enthielten Langzeitzünder, die bis zu 48 Stunden nach dem Aufschlagen detonieren sollten. Dieser unberechenbare Mechanismus sollte die Bevölkerung verunsichern und in der Nähe von Rüstungsbetrieben die Wiederaufnahme der Arbeit möglichst lange behindern. Denn jede Bombe musste zuerst als Langzeitzünder-Sprengkörper angesehen werden, Entschärfungs-Kommandos brauchten also mehr Zeit.

Eine große Zahl dieser Zeitzünder-Modelle explodierte jedoch bis heute nicht. Besonders perfide daran ist, dass die Materialien im Zünder altern und dadurch immer gefährlicher werden können. Diese Zeitbomben auf Abruf sind sehr empfindlich gegen Erschütterungen und Schläge und können sogar ohne äußeren Einfluss detonieren. Die Stadt Oranienburg hat ausgesprochen stark unter diesen Bombentypen zu leiden (vgl. dazu den gesonderten Text in diesem Dossier).

Komplizierte Entschärfung

Die Bomben liegen je nach Bodentyp zwischen eineinhalb und siebeneinhalb Meter tief im Boden. Im Sandboden drangen die Bomben zudem schräg in den Grund ein und beschrieben eine U-förmige Kurve, so dass sie am Ende nach oben zeigten. Der Drift bedeutet, dass Bomben auch unter Häusern liegen könnten, die schon während des Zweiten Weltkriegs standen.

Blindgänger mit Langzeitzündern detonierten aus zwei verschiedenen Gründen nicht. Zum einen spielt die Lage der Bombe eine Rolle. Wenn sie in Sandboden eindringt, zeigt die Bombe in der Regel wieder nach oben, der Zeitzünder wird dann nicht aktiviert. Zum anderen wechselte die Fertigungsqualität der Zünder stark, eine Reihe von ihnen funktionierte schon beim Abwurf der Bombe nicht. Wenn solche Bomben gefunden werden, muss zuerst geklärt werden, ob sich der Zünder noch in der Bombe befindet. Falls der Zünder intakt ist, versuchen die Spezialisten vom Kampfmittelbeseitigungsdienst, ihn zu entschärfen. Falls das nicht gelingt, wird die Bombe gezielt gesprengt.

Text: Michael Hörz