Demokratischer Überfall im Netz

Erschienen auf ZEIT Online

Auf americaspeakingout.com sollen US-Bürger zum Programm der Republikaner beitragen. Mit einer Nutzergruppe hatte die Partei aber nicht gerechnet – dem politischen Gegner.

Von Michael Hörz

„Sarah Palin ist die größte Bedrohung für die nationale Sicherheit“ – zu lesen ist das auf einer Internetseite, die die Republikaner in den USA kürzlich online stellten. Wie konnte das passieren? Allem Anschein nach hatten die Republikaner nicht so recht an „Trolle“ gedacht, Online-Provokateure also, die eine Diskussion mit abwegigen Argumenten und persönlichen Angriffen sabotieren. Der Hintergrund: Die republikanische Partei will im November 2010 die Repräsentantenhaus-Mehrheit zurückgewinnen. Ihr fehlt aber ein schlagkräftiges Wahlprogramm, weswegen sie nun auf Internet-Beteiligung setzt. Auf americaspeakingout.com machen die Benutzer Vorschläge, andere bewerten sie, die populärsten Vorschläge „gewinnen“.

Die Seite inszeniert sich als bürgernah: „Amerika verdient einen Kongress, der die Prioritäten des Volkes respektiert. Doch leider hat Washington nicht zugehört“, heißt es auf der Startseite. Ein Video ganz oben zeigt Kevin McCarthy, einen populären republikanischen Abgeordneten aus Kalifornien, der die Seite vorangetrieben hat. Erst am Seitenende fällt das Wort Republicans.

Ende Mai ging America Speaking Out mit großem Pomp online, die Partei freute sich darüber, in Sachen Internet auf der Höhe der Zeit zu sein – zumindest einige Stunden lang. Denn die Gegner waren noch zeitgemäßer und kaperten die Seite einfach. An prominenter Stelle steht nun: „Ich glaube, dass Amerika lebenswerter wäre, wenn Republikaner liberaler und demokratischer wären.“ Die Reaktionen auf diesen Eintrag legen nahe, dass sich hier viele Gegner tummeln. „Die beste Idee, die ich bislang gelesen habe“, kommentiert einer. Ein anderer persifliert einen Redneck: „Ihr libruls müsst ent-bildet werden. Das letzte, das wir brauchen, sind Leute, die denken und abweichende Ansichten diskutieren können.“

Unternimmt man eine kleine Reise durch die Kernthemen von America Speaking Out, erfährt man zum Beispiel, was die Nutzer zur hoch umstrittenen Homo-Ehe zu sagen haben: „Indem wir ausschließlich auf die Homo-Ehe abzielen, verschwenden wir Zeit beim Schutz der heiligen Ehe. Wir sollten ab sofort Scheidungen kriminalisieren.“ Ein anderer findet, die Pro Life-Position (gegen Abtreibung) der Republikaner reiche noch nicht weit genug: „Wir sollten dem Tod nicht länger Zutritt in dieses Land gewähren.“ Er möchte, dass doch bitte schnellstmöglich ein Mittel für Unsterblichkeit gefunden wird.

Auch unter der Rubrik American Values ist ausgerechnet der am stärksten diskutierte und bewertete Eintrag eine kleine Bösartigkeit: „Es sollte keine staatliche Unterstützung an religiöse Organisationen gehen. … Schluss mit dem Christian Nation-Bockmist, Steuergeld sollte nicht für Religion verschwendet werden.“ Die Reaktionen sind durchaus ernsthaft: „Volle Zustimmung. Die Übernahme der Republikanischen Partei durch religiöse Eiferer ist der Hauptgrund dafür, dass ich mich von ihr getrennt habe.“

Bush-Bashing wiederum findet man quer durch alle Bereiche der Mitmach-Website, so auch im Bereich „Staatsfinanzen“: „Wir müssen uns daran erinnern, wie George W. Bush und sein von den Republikanern kontrollierter Kongress uns von Rekordüberschüssen zu Rekorddefiziten brachten.“ Eher nicht mehrheitsfähig dürfte dieser Vorschlag sein, der sich gegen die extrem hohen Militärausgaben richtet: „Wir müssen die Zahl der Atomwaffen drastisch senken, indem wir sie häufiger einsetzen.“

Besonders im Bereich „Ausgaben“ haben gleich mehrere Nutzer einen passenden Sparvorschlag parat: „Damit aufhören, mit Steuergeld parteipolitische Kampagnen zu finanzieren. Diese Seite ist ein perfektes Beispiel dafür.“ Ein anderer kritisiert die Qualität: „Bitte stellt weiterhin schlechte Webentwickler ein, um auf Kosten der Steuerzahler Seiten wie diese zu kreieren. Es wird die Wirtschaft ankurbeln und die die Zahl urkomischer Kommentare auf Twitter erhöhen.“ Der Eintrag wurde inzwischen gelöscht.

Auch beim Thema Einwanderung gehen Vorschläge ein, die der Republikanischen Partei in ihrer Programmdebatte eher weniger weiterhelfen: „Wir brauchen auch das Recht, … Panzer zu besitzen. Mit so vielen illegalen Immigranten in diesem Land ist jeder christliche Amerikaner in Gefahr.„, schreibt einer. Und User BabyLove schlägt vor: „Eine hohe Mauer um unsere Grenzen ziehen. … Ich denke an eine 300 Meter hohe und 30 Meter breite Mauer. Ein vom Menschen errichteter Gebirgszug. Das wird die Leute draußen halten!“

Inzwischen haben die Betreiber das Troll-Potenzial ihrer Seite offenbar erkannt und begonnen, einzelne Einträge zu löschen. Letzteren beispielsweise. Weiterhin online ist dagegen der Vorschlag, allen abgeschobenen Migranten „ein ‚I’ auf die Brust zu tätowieren – für „Illegal“!

America Speaking Out zeigt einerseits, dass Bürgerbeteiligung im Netz auch nach hinten losgehen kann. Viel mehr aber noch gibt die Website Einblick in die politische Stimmungslage in den USA. Lange nicht mehr war das Land so gespalten und zerstritten. Obama-Gegner und Fans stehen sich unversöhnlich gegenüber – auch im Netz.

Die Betreiber der Seite räumen ein, dass sich nicht nur Republikaner-Fans auf America Speaking Out tummeln: „Wir sehen eine starke Beteiligung beider politischen Lager“, sagt Brendan Buck, Sprecher des Projekts. Ob ihr Plan aufgeht, diejenigen Themen, die die Nutzer bis September am weitesten nach oben gewählt haben, ins Parteiprogramm einzuarbeiten, ist fraglich. Das hat auch juristische Gründe, da die Seite mit Mitteln aus dem Abgeordnetenhaus finanziert wurde, also mit Steuergeldern. Sie darf demzufolge nicht für unmittelbar politische Zwecke eingesetzt werden. Ohnehin müssen die Republikaner fürchten, dass die Seite von weiteren Gegnern gekapert wird. Nicht auszudenken, wenn am Ende mehrere ziemlich unrepublikanische Vorschläge ganz oben auf der Liste stünden.

Das wird mit dem Vorschlag dieses User nicht passieren – er wurde inzwischen gelöscht: „Wir sollten einfach magischen Reagan-Staub ausstreuen, der all unsere Probleme lösen wird. Oder wir werfen unser Geld für ein Rüstungsrennen im Kalten Krieg raus und lassen unsere Enkelkinder dafür bezahlen. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, wie dieser magische Reagan-Staub funktionierte.“

Besonders absurde Einträge aus der Anfangszeit von America Speaking Out finden sich zum Beispiel auf „The Straight Dope“ oder bei der Huffington Post.